BENACHTEILIGTE JUNGEN - FRUSTRIERTE MÄDCHEN

red. Wir bringen nachstehend den zweiten und letzten Teil der Ausführungen der bekannten Kinderpsychologin Christa Meves zur geschlechtsspezifischen Entwicklung von Mädchen und Jungen. Wir danken der Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft in Köln sowie dem Resch-Verlag in Gräfeling für die Genehmigung des Abdrucks. Vgl. die bibliographischen Angaben am Schluss.

NEUE ERGEBNISSE DER GESCHLECHTERPSYCHOLOGIE - TEIL II

CHRISTA MEVES / Pädagogik und Freie Schule, Heft 60 (2003)

Männliche Stärken

Die schulische Benachteiligung der Jungen würde noch wesentlich drastischere negative Auswirkungen im gesellschaftlichen Spektrum zur Folge haben, wenn es nicht einige spezifische Begabungen des Mannes gäbe, denen die Mädchen auf Koedukationsschulen kaum einmal das Wasser reichen können: Schon vor der Pubertät, so eruierte 1980 eine Studie der John-Hopkins-Universität in Baltimore, erbrachten mehr Jungen als Mädchen Hochleistungen in Mathematik. Nach der Pubertät sind kaum noch Mädchen darunter.

Die Begabung zum abstrakt-logischen Denken, die die Männer in den reinen Naturwissenschaften zeigen und die sie für die Technik favorisiert, scheint sich unter dem Einfluss des männlichen Geschlechtshormons, das in der Pubertät ausgeschüttet wird, noch mächtig zu steigern. Und das bezieht sich nicht nur auf die mathematischen Fähigkeiten allein: Wesensunterschiede, die das typisch Männliche ausmachen, sind von den Hirnforschern in den letzten Jahrzehnten in vielfältigen Untersuchungen bewiesen worden. Dass das bessere räumliche Vorstellungsvermögen der Männer seinen Ort im Gehirn hat, war die Entdeckung von Sandra Witelson und ebenso, dass die Hirnhälften des Mannes stärker vernetzt sind. Männer sind besser dafür ausgestattet, Informationen über weitere Strecken des Gehirns hin- und herzuschicken. Der holländische Hirnforscher Dick Swaab wies nach, dass ein Kern im Hypothalamus nicht nur doppelt so groß ist wie bei der Frau, sondern auch doppelt so viele Zellen enthält. Ob hier der Ort der sich in der Pubertät ausformenden so markanten Begabungsunterschiede zu finden ist, bedarf noch der Abklärung. Auf jeden Fall steht fest, dass die Ausschüttung des männlichen Geschlechtshormons Testosteron in der Pubertät bereits unterschiedlich angelegte Hirnregionen aktiviert, die die spezifische Ausreifung der Männlichkeit zur Folge hat.

Es bedarf eigentlich keiner langen Laboruntersuchungen, um die machtvolle pubertäre Veränderung in der Entwicklung des Jungen zum Mann zu konstatieren: Es setzt (erheblich später als bei den Mädchen) ein Längenwachstum ein, das das der Mädchen durchschnittlich um sieben Zentimeter überschreitet. Die körperlichen Kräfte steigern sich, Bart und dunkle Stimme erleichtern es, alles Duckmäuserische und Unsichere hinter sich zu lassen. Der pubertäre Hormonschub des Mannes verändert Körper und Seele nachhaltig. Allerdings steigert sich auch mit der körperlichen Überlegenheit die Möglichkeit zur Gewalt. Gewaltverbrechen gehen deshalb im Verhältnis 96:4 Prozent zu Lasten des Mannes.

Unterschiedliche Entwicklung in der Pubertät

Die Pubertät, um die Dreizehn- bis Vierzehnjährigkeit herum, pflegt die Benachteiligung der Jungen zunächst noch keineswegs abzuschwächen. Nun gilt es, sich als Mann der dominanten, ihn bevormundenden Weiblichkeit seiner Kindheit zu entwinden; und das ohne Bewusstsein darüber, was in ihm vor sich geht. Die Schule "nervt"; die Eltern sind "Kotznummern". Das Bedürfnis, sich an eine Gemeinschaft mit Gleichaltrigen anzuschließen, tritt in den Vordergrund, wobei Anpassung an die Gruppe eher als individuelle Vorlieben und Interessen in diesem Alter zunächst das Feld bestimmen. Es kommt hier weniger auf das "Wohin?" als auf das "weg von den Alten" (besonders von der Alten) an - und das oft in höchst unausgegorener Weise. Statussymbole der Männlichkeit werden gesucht: Der Konsum von Zigaretten, Alkohol, Haschisch, Ecstasy gilt als Beweis der Unabhängigkeit, der mannhaften Verbotsübertretung. Suzuki und Surfclubs, Anschluss an Hooligans oder gar an radikale Schlägertrupps, Mutproben und die Suche nach ausgefallenen Abenteuern dienen dem Versuch, sich selbst das Gefühl von Stärke und Überlegenheit zu suggerieren.

Natürlich lassen sich auf diese Weise auch die Umwelt und besonders die Eltern provozieren und sie das Fürchten um das Leben der Söhne und ihr eigenes familiäres Ansehen lehren. Die Mutter zum Weinen zu bringen, gerät ebenso zum Genuss, wie dem Vater die Tür vor der Nase zuzuschlagen und sich keinen Deut um seine Anweisungen zu scheren.

Da pubertierende Söhne unserer Gesellschaft kaum einmal das Gefühl haben, sich der materiellen Abhängigkeit wegen nach der Decke strecken zu müssen, da sie eine Erziehung zur Disziplinierung selten noch genossen haben, findet die Notwendigkeit der Ablösung aus den kindlichen Bindungen, findet der hormonell ausgelöste Drang zur Verselbständigung bei den Jungen in der Pubertät heute in oft roher Manier statt. Das entartet nicht selten zu gefährlichen Zerreißproben, die nicht immer als chaotisches Intermezzo, als überwundene Phase nach einiger Zeit abgebucht werden können; denn Schule und Kirche bilden selten Haltegurte, so dass heute viel zu viele Exemplare der kostbar klein gewordenen Jungmännergruppierungen zugrunde gehen - durch Abdriften in die Rauschgift- und Alkoholsucht, in die Kriminalität, in den durch Leichtsinn hervorgerufenen Unfalltod oder gar durch Suizid.

Die Eltern stehen den stürmischen Aufbrüchen ihrer Söhne heute meist hilflos gegenüber. Zwar haben die meisten im Bewusstsein, dass es sich dabei um notwendige Verselbständigungsprozesse handelt; aber konstruktive Angebote zu Jugendtreffs mit Gestaltungsformen, in denen Eigenständigkeit maßvoll eingeübt wird, gibt es in unserer Gesellschaft viel zu wenig. Diskotheken sind dafür nicht geeignete Örtlichkeiten. Die Möglichkeit, dort auf ein destruktives Gleis zu geraten, sind viel zu groß.

Die Adoleszenz

Das Erstaunliche ist allerdings, dass diejenigen jungen Männer, die ihre Pubertät unbeschadet überstanden haben - dem Erblühen ihres durch die Hormone angefeuerten Gehirns entsprechend -, vom 16./17. Lebensjahr ab eine verbesserte Schulfähigkeit entwickeln. Jedenfalls klafft die Schere zwischen den fleißigen Mädchen und den bis dahin am Schulstoff nur mäßig interessierten Jungen nicht mehr so ungerecht weit auseinander: Während bei den Mädchen die Mann-Suche mit dem nun dominant werdenden Bemühen um äußere Attraktivität die schulische Motivation abschwächt, entdeckt der junge Mann erstmals den Sinn von Ausbildung überhaupt als Möglichkeit zum Gewinn von gesellschaftlicher Anerkennung und Macht. Seine sich herauskristallisierende Fähigkeit zum sachlichen Denken, zu naturwissenschaftlicher und technischer Begabungsausgestaltung lässt ihn aufwachen und sich nach Höherem ausstrecken. Der seelisch gesunde junge Mann steht mit der Adoleszenz sprungbereit zum Aufbau und zur Gestaltung seines Lebens.

Die sexuelle Potenz, die ihm dabei von der Geschlechtsreife ab in höchster Quantität zur Verfügung steht, ist in diesem Alter dabei interessanterweise noch keineswegs vorrangig auf die Realisierung seiner erwachten sexuellen Bedürfnisse gerichtet. Es ist vielmehr so, als würde in diesem Alter gleichzeitig so etwas wie eine Kompensation bzw. Sublimationsmöglichkeit der rohen Triebkraft auftauchen. Jedenfalls haben überpersönliche Interessen und Begeisterung für zu verwirklichende Ideen nirgends so viele Ansatzmöglichkeiten wie beim jungen Mann an der Schwelle zum Erwachsenenalter. Es ist deshalb pädagogisch klug, diese Ansätze zum Einsatz für geistige Ziele und die Verwirklichung gesellschaftlicher Innovationen zu nutzen, statt die Jugendlichen im öffentlichen Trend durch ein Hinlenken auf sexuelle Themen nach Bravo-Manier zu stimulieren, nun doch so rasch wie möglich der Sexualität Vorrang einzuräumen; denn seine Sexualität bedarf gewiss keiner zusätzlichen Anregung von außen.

Deshalb ist die Motivation zur Berufsausbildung - wenn diese auch nur einigermaßen den Begabungen des jungen Mannes entspricht - wie Wasser unter dem Kiel seines Lebensschiffes. Sie entspricht seiner propulsiven Mentalität, sie ist zielgerichtet. Das wirkt sich als besonders förderlich in all jenen Ausbildungsgängen aus, in denen "Learning by doing" im Vordergrund steht. Aber auch die Universität entspricht - bei entsprechender Intelligenzqualifikation - dem männlichen Geist. Sachlichkeit, wissenschaftliche Absicherung, abstrakt logisches Denken sind hier gefragt. Die Alma mater ist nicht zufällig so aufgebaut. Sie wurde von Männern für Männer geschaffen, und das kommt ihnen hier zugute, wenn heute auch das Übermaß an zu lernender Quantität die Motivation und die Durchhaltefähigkeit einmal mehr einzuschränken pflegt. Hinderlich steht einem zügigen Abschluss entgegen, dass die Studentinnen abermals früher fertig sind und die kargen Arbeitsplätze besetzen. Das wirkt sich besonders dann als leistungsmindernd auf den jungen Mann aus, wenn er sich mit einer Kommilitonin in wilder Ehe zusammengeschlossen hat. Sein Sexualleben kann dann unter Umständen demotivierend auf den Abschluss der Ausbildung wirken, besonders wenn er sein Hinterherhinken hinter der Freundin als Einbuße seines Selbstwertgefühls erlebt. Oft geht es dann nicht ohne emotional dezimierende Trennungen und Studienverlängerungen ab.

Beiden Geschlechtern gerecht werden

Es bedarf keiner Statistik, um das Fragwürdige, ja Destruktive im modernen Bildungswesen zu erkennen. Gewiss, die Frau hat bewiesen, dass sie in der Lage ist, ihren Mann zu stehen, ja, dass sie den gleichaltrigen Jungen den Rang abzulaufen vermag. Das Ziel des militanten Feminismus ist […] nicht etwa "die Quotenfrau", sondern "die Macht über den Mann". Schon treten weitere Zukunftsvisionen auf den Plan: Falls man weltweit genug Samenbänke einrichtet habe und erst recht, nachdem das Klonen von Menschen möglich geworden sei, wäre der Mann selbst zur Fortpflanzung nicht mehr nötig. Visionen, ihn ganz auszurotten, tauchen auf. Wenn nur Mädchen (am besten im Reagenzglas) zur Welt kommen dürfen, ließen sich diese von Säuglingsschwestern, Tagesmüttern, Erzieherinnen, Lehrerinnen, und gelegentlich vielleicht auch noch Müttern und Großmüttern gemeinsam erziehen - und der absolute Weltfriede wäre gesichert. So glaubt man in kühner Verleugnung des aggressiven Potentials der Frau, besonders der älteren Frau. Aber kann die Frau die voranstürmenden Erfinder, die Türme und Städte bauenden Männer, die Meister der Technik, die Verteidiger des Lebens (nicht nur in Kriegen, sondern auch in Natur- und Familienkatastrophen), kann die Frau den Beschützer ihrer Kinder und - last but not least - den liebevollen Gefährten wirklich entbehren?

Wer diese Frage verneint, muss sich gemeinsam mit jenen Frauen, die die Schöpfungsordnung weiterhin wahrheitsgemäß für ein verbindliches Postulat halten, auf den Weg machen, den Mann besonders aber die Jungen während ihrer Entfaltung besser zu verstehen und ihnen besser gerecht zu werden. Und das heißt: keine Erwartungen an sie stellen, die sie nicht erfüllen können; denn sie sind anders als die Mädchen, anders als die Frauen. Die Fülle der neuen Forschungsergebnisse sollte für uns Frauen einen Appell enthalten, den Jungen besser gerecht zu werden mit ihren besonderen Begabungen und ihren spezifischen Lebensaufträgen - besonders durch angemessene Schulformen. Und die heißen: Begabungsgerechte, schöpferisch anleitende und ethisch kontrollierte Lebensgestaltung.

Jungen haben eben andere Entwicklungstempi als Mädchen! Ungleiche Organismen gleichmachen zu wollen erzeugt weder Gerechtigkeit noch bringt es optimale Leistungen hervor. Das Gegenteil ist der Fall: Je unangemessener, umso mehr Niveauverlust muss sich ergeben. Ich schrieb bereits 1971 in einem meiner ersten Taschenbücher: Wenn die Gleichheitsideologie erst unsere Schulen beherrschen wird, wird deutsche Elite mit den bewährten Gymnasien seufzerlos zugrunde gehen.

Es muss auch erkannt werden, dass hinter der zum Imponiergehabe neigenden Fassade des Mannes immer noch die Furcht vor der übermächtigen, sich seiner bemächtigenden Mutter steckt. Es sollten die Aggressionen des männlichen Kindes als Verteidigung gegen jene Erziehenden gesehen werden, bei denen es weniger Erfolg hatte als die Mädchen. Gewiss wird Neuanfang eher geschehen können, wenn der Mann gegen allen Drang, die Welt zu erobern und allein zu beherrschen, sich die Mühe macht, sich selbst kennen zu lernen samt seinen zäh und kontinuierlich lebenslänglich verdrängten Schwächen, die ihn bisher genötigt haben, vorsorglich seiner besseren Hälfte nichts, aber auch gar nichts davon zuzugeben. Wenn der Mann seine so fest eingebahnte Neigung zur Verleugnung seiner Schwächen und erst recht seiner Untaten ins Bewusstsein nimmt, erst dann wird ihm der Zugang zu seinen Nächsten leichter fallen, so dass ihm zu dämmern beginnt, was die Frau mit ihrem Rütteln an seinem ihr nicht genügenden Verhalten überhaupt meint.

 

Bibliographische Hinweise:

Die Gelbe Reihe - Pädagogik und freie Schule
Schriftenreihe der Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft
Bisher 60 Hefte zu Schul- und Erziehungsfragen.
Bezug bei:
Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft e.V.
Paulistraße 22
D-50933 Köln
foegSchule@aol.com

Christa Meves: "Verführt, manipuliert, pervertiert". 2. Aufl. 2004
Verlag Dr. Ingo Resch, D-82166 Gräfelin

 

 

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